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Titel, Typen & Triumphe

05. Mai. 2021 | 11:35

Mehr als zwei Jahrzehnte stand Dr. med. Götz Dimanski als Mannschaftsarzt im Dienst für den SV Werder.

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des RehaZentrum Bremen spricht der ärztliche Geschäftsführer im Interview über die Highlights seiner Karriere beim SV Werder und persönliche Herausforderungen.

 

 

Herr Dimanski, Sie waren 23 Jahre lang Mannschaftsarzt von Werder Bremen. Worin bestand aus Ihrer Sicht das Erfolgsrezept?

Aus meiner Sicht waren die medizinischen Rahmenbedingungen optimal. Es wurde das Konzept der „Kontinuität der Betreuung“ verfolgt. Klaus Allofs und Thomas Schaaf waren wie ich von der Idee „ein Arzt an der Mannschaft“ überzeugt: kein Informationsverlust und keine Kompetenzstreitigkeiten. Das führte zu Klarheit, Transparenz und Zielstrebigkeit bezüglich Diagnose und Therapie. Dieses Vorgehen war sehr erfolgreich, aber es hatte auch eine Kehrseite: permanente Erreichbarkeit und ständige Einsatzbereitschaft.

 

Jeden Tag „an der Mannschaft“, wie haben Sie dieses Pensum durchgehalten?

Ich glaube, von Konfuzius stammt der Satz: „Such Dir einen Beruf aus, den Du liebst und Du brauchst keinen Tag mehr zu arbeiten.“ Ich denke, das ist auch meine Antwort. Zwischen „work“ und „life“ gab es nichts auszubalancieren. Es war mein Leben und ich habe es geliebt.

 

Haben Sie in den Jahren denn kein Spiel verpasst?

Zweimal habe ich mich vertreten lassen: einmal wegen der Goldenen Hochzeit meiner Eltern und einmal war ich selber krank. Aber während meiner aktiven Zeit habe ich jedes Bundesliga-, Pokal- und Europacupspiel, jedes Freundschafts- oder Vorbereitungsspiel und dazu jedes Hallenturnier und die Trainingslager persönlich betreut.

 

Sie leiten heute ein ambulantes Rehazentrum für Kardiologie, Orthopädie und Sportmedizin in Bremen. Inwieweit helfen Ihnen die Erfahrungen aus dem Leistungssport?

Ich erlebe, dass Patienten sehr erleichtert sind, wenn ihre Geschichte noch einmal anders betrachtet wird. Manche kommen nach monatelangen Beschwerden, weil die Bilddiagnostik ausgereizt ist und eine Heilung oder Linderung der Schmerzen aussichtslos scheint. Aber sportmedizinische Prinzipien können auch bei der Rehabilitation von Herzpatienten oder bei orthopädischen Leiden erfolgreich helfen. Das führt bei unseren Patienten zu einer fast 100% Weiterempfehlungsrate und zu einer hohen Zufriedenheit unter unseren Mitarbeitern.

 

Bei welchen konkreten Beschwerdebildern kann die Sportmedizin helfen?

Da gibt es tatsächlich einige. Besonders hervorheben möchte ich die Funktionsstörungen des Beckens. Bleibt diese bei Fußballern unbehandelt, führt das zur gefürchteten, aber nicht ganz korrekt so bezeichneten, Schambeinentzündung. Bei Nichtsportlern kann eine identische Konstellation des Beckenrings zu therapieresistenten Schmerzen im Kreuz, im Gesäß oder Hüftbereich führen, im Extremfall, bei Zerstörung des Hüftkopfes, sogar zu einer Hüftersatzoperation. In vielen Fällen kann man dieser Entwicklung durch eine einzige gezielte manualtherapeutische Behandlung vorbeugen.

 

Führen nur Sie diese Art von Behandlung aus? Haben Sie diese Methode entwickelt?

Nein, so kann man das nicht sagen. Ich habe das Rad nicht neu erfunden. Als aber 1999 einer unserer erfolgreichsten Stürmer monatelang wegen Leistenschmerzen ausfiel und selbst die Einbeziehung der bedeutendsten deutschen Sportmediziner und Leistenexperten keine Verbesserung brachte, habe ich begonnen, mich intensiv mit der Thematik Leistenschmerz zu befassen. Nach zehn Jahren hatte ich die Lösung, die nach meiner Erfahrung nicht nur Sportlern bei vielen Leistenbeschwerden hilft, sondern auch meinen anderen Patienten bei der Behandlung von vielen verkannten Hüftbeschwerden hilft. In meinem Ansatz kombiniere ich bekannte Elemente der manualtherapeutischen Diagnostik und Therapie zweckmäßig und zielgerichtet auf eine neue Art miteinander.

 

Also keine Wunderheilungen?

Nein, absolut nicht. Eher ein ideal verlaufender ärztlicher Behandlungszyklus: Schmerz-Untersuchung-Behandlung-Schmerzfreiheit. Die wirklichen ‚Wunder‘ geschehen im Verborgenen.

 

Wie meinen Sie das? Können Sie dafür ein Beispiel bringen?

Ja, gern. Ein Spieler verletzt sich während eines Bundesligaspiels im Zweikampf am Knie. Ich laufe auf das Feld. Der Spieler empfängt mich mit den Worten: „Docky es geht nichts mehr. Ich kann das Knie kein Stück mehr bewegen. Du musst mich rausnehmen!“ Mein Physio und ich helfen dem Spieler vom Feld. Am Rand stelle ich fest, der Meniskus blockiert das Knie. Völlige Streckhemmung, Unfähigkeit, auch nur noch einen Meter zu laufen. Eine richtig angesetzte ‚Manipulation‘, ein spürbarer „Gnucks“, und das Knie funktioniert wieder. Der Spieler probiert ein paar Laufschritte. Es geht. Zurück ins Spiel. Keine weiteren Probleme. Das alles unter den Augen von mehr als 40.000 Zuschauern. Nicht einer davon hat registriert, was da gerade abgelaufen war.

 

Kann so etwas auch Nichtsportlern passieren?

Ja, das passiert. Ich erinnere mich an derartige Fälle in meiner Sprechstunde. Das Aha-Erlebnis der Patienten ist immer sehr beeindruckend. Ein besonderer Fall ereignete sich mal kurz vor einem Europacupspiel im Weserstadion. Die Mannschaft war schon zum Warmlaufen auf dem Rasen. Ein Mitarbeiter der Medienabteilung kam ganz aufgeregt zu mir: Ein Fernsehreporter hatte sich das Knie eingeklemmt und furchtbare Schmerzen. Die gesamte Berichterstattung schien gefährdet. Da habe ich mal ausnahmsweise für wenige Minuten meinen Platz verlassen und ein Reporterknie manipuliert. Über die Qualität der anschließenden Reportage ist mir aber nichts bekannt.

 

Haben Sie in diesen Situationen den Druck wahrgenommen?

Der Druck, insbesondere der permanente Zeitdruck, war enorm. Den habe ich schon verspürt. Der Trainer möchte direkt nach jeder Verletzung wissen, an welchem Tag der verletzte Spieler wieder fit ist. Eine präzise Antwort darauf zu geben, war genau die Herausforderung, die ich gesucht hatte. Aber als Belastung habe ich das nie empfunden.

 

Wie genau sieht der Alltag eines Mannschaftsarztes aus?

Dafür gibt es keine einheitlichen Abläufe. Meinen Alltag fand ich ideal: morgens Visite für alle verletzten oder erkrankten Spieler, Konsultation des Trainers, dann die eigene Sprechstunde, dabei immer in der Bereitschaft, bei Trainingsverletzungen direkt eingreifen zu können. Nach dem Training wieder Visite zur Beurteilung der aktuellen Situation. Auswertung mit dem Trainer. Danach gegebenenfalls Abfahrt mit dem Bus zum Spiel oder zum Flughafen.

 

Für alle Spieler der erfolgreichsten Werder-Epoche waren Sie der Sportarzt des Vertrauens?

Ich war für die gesundheitlichen Belange verantwortlich. Zwischen Sommer 1999 und Frühjahr 2014 ist nicht ein Spieler von Werder verpflichtet worden, dessen Leistungssporttauglichkeit nicht durch mich beurteilt und bestätigt worden wäre. Noch bevor die Öffentlichkeit von einem neuen Spieler erfuhr, hatte ich in enger Kooperation mit Internisten die „Unbedenklichkeit“ gegenüber der Geschäftsführung bescheinigt und das Ergebnis bei der DFL bekanntgemacht.

 

Können Spieler bei diesen Tauglichkeitsuntersuchungen, von denen Sie sprechen, auch „durchfallen“?

Es gibt bei diesen Untersuchungen besonders knifflige Situationen. Ich erinnere mich an den Fall eines Spielers, der frisch operiert zur Untersuchung erschien. Die operierenden Ärzte hatten Beschwerdefreiheit für 4 Wochen später versprochen. Das hätte gereicht, um problemlos in die beginnende Vorbereitungszeit bei Werder einzusteigen. In einem solchen Fall vorhersagen zu können, dass das avisierte Ergebnis nicht eintreffen wird, da es sich um eine Fehldiagnose und daher folglich um eine aus meiner Sicht nicht notwendige Operation gehandelt hat, mit der Konsequenz, dass der zu verpflichtende Sportler erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt, dann aber tatsächlich beschwerdefrei zur Verfügung stehen wird, das ist die eigentliche sportmedizinische Kunst, der ich mich immer verpflichtet gefühlt habe.

 

Sie waren auch Mitglied der sportmedizinischen Kommission des DFB?

Ja. Ende der 90er Jahre hatte mich der DFB gebeten, an der Neukonzipierung der Tauglichkeitsuntersuchungen für die Profifußballer mitzuwirken. Das habe ich gerne getan. Wegen dieser Tätigkeit wurde ich dann später in die Kommission aufgenommen und danach mehrfach wieder bestätigt. Ich arbeitete dort mit den bekannten Sportmedizinern, den Professoren Hess, Kindermann, Graf-Baumann, Meyer und vielen anderen Wissenschaftlern und Funktionären zusammen. Wesentliche Aktivitäten, wegweisend für die gesundheitlichen Belange aller im DFB organisierten Sportler.

 

Was waren Ihre persönlichen Highlights?

Die Zeit ist an mir vorübergeflogen. Es waren diese unglaublichen sportlichen Highlights, die „Wunder von der Weser“. Hautnah mitzuerleben, wie ein 0:3 aus Lyon im Rückspiel durch ein 4:0 noch zum Weiterkommen verwandelt wird, war unbeschreiblich. Die Kabinenansprache beim 0:2 Rückstand bei Inter Mailand, wonach es ein zum Gesamtsieg reichendes 2:2 gab. Oder persönlich im Stadion bei Flutlicht gegen Real Madrid, FC Barcelona, dabei zu sein. In der einen Woche ein Spiel in Kasachstan zu haben und in der nächsten Woche auf Madeira. Von einer zehrenden Reise aus Glasgow zurückzukehren und direkt nach Stuttgart zum nächsten Bundesligaspiel zu fliegen. Manchmal musste ich morgens beim Erwachen im Hotel ernsthaft überlegen, wo ich bin.

 

Was waren Ihre größten Herausforderungen?

Das war zweifelsfrei die weitere professionelle Zusammenarbeit mit einem Spieler, der mich und den Verein wegen einer angeblichen Falschbehandlung eines Nierenleidens auf Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt hatte. Schwierig war es für mich auch mit den erhobenen Vorwürfen und wie darüber öffentlich diskutiert wurde, umzugehen. Plötzlich waren alle Blicke und Kameras nicht mehr nur auf die Spieler gerichtet. Eine ganz andere intensive Seite meiner Karriere.

 

Sie sind seit vielen Jahren auch im Antidoping-Panel der UEFA vertreten…

Die Vereinigung der Europäischen Profifußballligen, wozu auch die DFL gehört, hatte in diesem Panel eine „Observer“-Position zu besetzen. Als ich da gefragt wurde, habe ich nicht lange gezögert. Es ist schon beeindruckend, etwas von dem zu erleben, wie diese bedeutende internationale Sportinstitution in ihren Gremien agiert. Die Sitzungen fanden vor der Pandemie meist zweimal jährlich im UEFA-Hauptquartier in Nyon, direkt am Genfer See, statt. Der Kampf gegen Doping-Vergehen im Fußball steht dort natürlich absolut im Mittelpunkt. Organisation der Kontrollen für internationale Spiele, insbesondere die Europameisterschaften, aber auch Fragen der Prävention werden da behandelt.

 

Stammt aus dieser Tätigkeit auch Ihr UEFA-Zertifikat aus dem „Football Doctor Education Program“?

Nein, das ist ein Zertifikat, das mir die UEFA nach einer internationalen Kurs-Serie zwischen 2013 und 2017 verliehen hat. Es bescheinigt die Weiterbildungsberechtigung für Ärzte nach vorgegebenem und geprüftem UEFA-Standard. Ich wurde vom DFB zu diesem Kursus delegiert. Dieses Spezialwissen kommt heute meinen Patienten zugute. Auch die Physiotherapeuten des Rehazentrum Bremen profitieren davon in unseren Fortbildungen, die ich wöchentlich intern durchführe.

 

Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, dass sich das RehaZentrum Bremen weiter kontinuierlich entwickelt. Dafür wird es nötig sein, auch künftig qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Ich möchte noch viele junge Physiotherapeuten in unserer speziellen Methode unterrichten und möglichst auch interessierte junge Ärzte für eine Weiterbildung in Sportmedizin, Physikalischer und Rehabilitativer Medizin gewinnen und begeistern. Ich stelle mir vor, unsere orthopädischen Reha-Standards noch weiter zu modernisieren und unsere kardiologische Rehabilitation noch mehr Patienten anzubieten, um bekannte Risikofaktoren der Herzgesundheit erfolgreich anzugehen. Wir wollen unsere Angebote für das Betriebliche Gesundheitsmanagement wesentlich erweitern und haben noch eine Menge innovativer Ideen, wie wir unser vielfältiges Know-how für die Menschen unserer Stadt noch besser einbringen können.

 

Wenn Sie sich zum Schluss noch etwas wünschen dürften, was würde das sein?

Dann wünschte ich Werder Bremen, den Spielern und den Fans Erfolg. Und aus meiner Sicht ist die enge Zusammenarbeit von Entscheidungsträgern, Spielern und Ärzten dafür die beste Basis.

 

 

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